Im Dialog
Jean Françaix
„Man hat mich einen leichtfertigen Komponisten genannt, obschon ich doch jede Note streng kontrolliere, die aus meiner Feder kommt.“
Bläserquintett Nr. 1
Während viele Zeitgenossen nach neuen Wegen suchten und mit neuen Tonsystemen oder Harmonien experimentierten, blieb Jean Françaix bei der klassischen Dur-Moll-Tonalität und ließ sich eher von der Unterhaltungsmusik seiner Zeit beeinflussen. Sein Stil war dabei meist leichtfüßig, ironisch und manchmal auch ein bisschen grotesk. Besonders für Holzblasinstrumente schrieb er eine Vielzahl kammermusikalischer Werke, wie das 1948 entstandene Bläserquintett. Hier trifft man unter anderem auf Anklänge an Blues und Jazz als Teil einer gestenreichen Musiksprache, die permanent über die Stränge zu schlagen scheint. Dass das Werk erst 1954 durch das Bläserquintett des Orchestre National uraufgeführt wurde, lag u. a. daran, dass es bei aller Leichtigkeit im Klang höchste Anforderungen an die Ausführenden stellt.
Worin bestehen diese Anforderungen?
CARL STEPPES (KLARINETTE):
Das Stück ist sowohl für jeden einzelnen Interpreten als auch im Zusammenspiel nicht gerade leicht, was zum Beispiel an den oft raschen Tempi oder rhythmischen Raffinessen liegt. Trotz allem die Leichtigkeit und den Witz der Musik zu transportieren, ist eine Herausforderung, die uns zugleich sehr großen Spaß macht. Das Quintett gehört zu meinen absoluten Lieblingswerken für diese Besetzung.
Alexej Gerassimez
selbst Perkussionist, gewann u. a. 2014 den ARD Musikwettbewerb
„Eravie“
Der Titel ist der französischen Literatur entlehnt und symbolisiert die Höhen und Tiefen des Lebens.
Bei Werken für Solo-Schlaginstrumente erwartet das Publikum zumeist virtuose Kabinettstückchen, die großen Körpereinsatz erfordern. „Eravie“ von Alexej Gerassimez hat jedoch einen ganz anderen Hintergrund: Das Werk für Marimba solo wurde von einem orthodoxen Kirchengesang inspiriert, den der russische Komponist Nikolai Kedrow 1922 im Pariser Exil komponierte. Die satten Harmonien der russischen Chortradition machten großen Eindruck auf Gerassimez und prägen dieses einzigartige Werk, in dem der Komponist zugleich seiner Liebe zur Chormusik Ausdruck verleiht und seinen osteuropäischen Wurzeln nachspürt.
Václav Nelhýbel
geboren in Tschechien, 1942 in die Schweiz, 1957 in die USA ausgewandert
Trio for Brass
Václav Nelhýbel, US-Amerikaner mit tschechischen Wurzeln, wirkte nach seiner Emigration vor allem als Rundfunkkomponist und Kompositionslehrer. Besonderen Eindruck machten in seiner neuen Heimat jenseits des großen Teichs die großen Brassbands auf ihn, die zu verschiedenen Anlässen aufspielten und festlich den American Dream propagierten. Das Trio for Brass kann als Versuch gelten, den Drive dieser Bands auf kleinere Ensembles zu übertragen.
HANNA KWON (TROMPETE):
Tatsächlich haben wir relativ lange nach einem geeigneten Werk für das Kammerkonzert gesucht. Mein Kollege Alexandre ist schließlich auf das Trio von Nelhýbel gestoßen und wir waren alle gleich begeistert. Besonders im virtuosen dritten Satz können wir viele Facetten unserer Instrumente zeigen und damit hoffentlich das Publikum mitreißen.
Maurice Ravel
„Introduction und Allegro“
in gerade einmal einer Woche geschrieben
Die Instrumentenbauer Érard und Pleyel entwickelten Anfang des 20. Jahrhunderts in Paris unterschiedliche Techniken des Harfenbaus. Um die jeweiligen Vorzüge ihrer technischen Innovationen zur Schau zu stellen, beauftragten sie Vorzeige-Kompositionen bei renommierten Tonsetzern. Während Pleyel ein Werk bei Claude Debussy bestellte, wandte sich Érard an Ravel, der den Auftrag kurz vor einer geplanten Reise in großer Eile fertigstellte. Dennoch demonstriert seine Komposition nicht nur eindrucksvoll die Doppelpedal-Mechanik Érards, die sich heute längst durchgesetzt hat, sondern präsentiert sich auch im Zusammenklang der Instrumente farbenreich und differenziert. Meisterhaft arbeitet Ravel mit der kleinen Besetzung und lässt ungemein wirkungsvolle Klangeffekte entstehen. In der zweiten Hälfte des durchkomponierten Werks erhält dann die Harfe mehr Raum, sich solistisch zu präsentieren, besonders in der – eher träumerischen als reißerischen – Kadenz. Manchmal wird „Introduction und Allegro“ auch als verkapptes Harfenkonzert interpretiert.
Wie würde man es heute einordnen?
ÁLMOS LÁSZLO TÁLLOS (HARFE):
Für uns Harfenisten ist dieses Stück tatsächlich eines der wichtigsten im Repertoire. Ich kenne es seit ich ungefähr zwölf bin, habe es häufig live oder in verschiedenen Aufnahmen gehört und wollte es schon immer spielen. Umso dankbarer bin ich, dass ich nun die Möglichkeit dazu habe. In der Vorbereitung hatte ich unzählige Ideen und Vorstellungen der Interpretation, dass ich manchmal selbst nicht sicher war, welchen Weg ich einschlagen soll. Ich versuche jetzt einfach, loszulassen und zu genießen, dass ich diese geniale Musik spielen darf. Dass ich es gemeinsam mit meinen Freunden tue, macht es das einfacher und inspiriert mich sehr!
Antonín Dvořák
war nicht nur Komponist, sondern auch Bratscher
Quintett G-Dur für zwei Violinen, Viola, Violoncello und Kontrabass G-Dur op. 77
Standardbesetzung für Streichquintett sind eigentlich 2 Violinen, 2 Bratschen und Cello
Das 1875 entstandene Streichquintett war Dvořáks Beitrag zu einem Kammermusikwettbewerb, der von einer tschechischen Künstlervereinigung veranstaltet wurde. Der Komponist wählte hier die ungewöhnliche Besetzung mit Streichquartett und Kontrabass, der einen dunkleren Klang möglich macht, und präsentiert ein überaus vielseitiges Werk: Wie so oft hört man tschechischen Volkston, aber auch romantisch- melancholische Passagen, Tanzrhythmen und große Dramatik. Tatsächlich wurde Dvořak für sein Quintett mit einem Preis ausgezeichnet. Die genaue Begründung der Jury liegt uns aber leider nicht vor.
Was zeichnet die Komposition aus?
FRIEDERIKE REMMEL (VIOLINE):
Ich glaube, was das Stück ausmacht sind die starken Kontraste, mit denen Dvořák arbeitet. Im Scherzo hört man deutlich die volksmusikalischen Motive, im dritten Satz klingt die Musik dann wieder sehr romantisch, ja manchmal fast ein bisschen kitschig. Wenn man all diese Kontraste auch innerhalb der einzelnen Sätze gut herausarbeitet und die Vielfalt an Klangfarben und -charakteren zum Vorschein kommt, ist das Stück enorm reizvoll – sowohl für uns als auch für das Publikum.