Im Dialog
von Michael Horst
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Was für eine Beziehung haben Sie zu dem Komponisten, mit dem Ihr neues Werk korrespondiert? Wann haben Sie das erste Stück von ihm gehört?
Das erste Mal ist mir Haydn im Schulorchester begegnet: mir fiel sofort sein Witz auf und die Fähigkeit, mit sehr wenig Mitteln große Wirkungen zu erzielen. Später habe ich immer mehr bewundert, wie er fast im Alleingang und kontinuierlich erfindend und entwickelnd die Gattung Symphonie gestaltet hat, sein ganzes Leben lang. Alles Symphonische danach ist ohne ihn undenkbar. Auch die Nähe zum Stil Beethovens ist manchmal frappierend, besonders in den späteren Werken, das wird leicht überhört.
In was für einen Dialog treten Sie mit dem so viel älteren Komponisten Ihrer Wahl?
Ein bestehendes Stück zu verändern liegt mir nicht besonders, ich hätte dann dauernd das Gefühl, sehr indiskret zu sein. Deshalb habe ich mich für eine Neukomposition entschieden, die nicht nur eine stilistische Brücke ist, sondern auch ein „Gelenk“ zwischen der „Abschiedssymphonie“ und „La passio-ne“ von Haydn. Und dieses neue Stück ist in sich eine kleine, dreisätzige Symphonie geworden.
Tauchen Sie mit Ihrem Werk und dessen Stil in die Zeit der anderen Komposition ein? Oder bevorzugen Sie es, ganz im 21. Jahrhundert zu bleiben?
Unbedingt tief in die Haydn-Zeit eintauchen! Ich bin und bleibe ein Kind meiner Zeit, aber ich möchte einen Bogen zu Haydn schlagen, sein Denken auf mich und uns übertragen. Ich habe mir dabei mehr seine Kompositionstechniken angeeignet, weniger seinen Stil (wie Prokofjew das getan hat). Es reizt mich außerordentlich, seine Gedankengänge und Bedingtheiten kompositorisch nachzuvollziehen, aber auf meine Weise.
Welche Erfahrungen haben Sie mit einer solchen musikalischen Metamorphose?
Musikalische Maskierungen, Aneignungen, Allusionen habe ich schon öfter lustvoll unternommen: mit Brahms, Schubert, Isaac, Liszt, Mahler beispielsweise. Dabei ist es keine Imitation, sondern das experimentelle Versetzen der eigenen Persönlichkeit und andere Strukturen und Zusammenhänge, was ich als erfrischend empfinde. Es ist eine Art maskiertes Zweitleben, in dem man viele unglaubliche Erfahrungen machen kann.
Im Mittelpunkt der gesamten Saison 2025/26 steht die Idee des Spielens. Was bedeutet „Spiel“ für Sie – im musikalischen und außermusikalischen Sinne?
Musik ist und bleibt immer für mich ein „Spiel“ – auf einer erwachsenen, reflektierten und intellektuellen Ebene, aber auch einer sehr lustvollen. Schiller hat geschrieben, dass das spielende Kind dem Göttlichen am nächsten sei. Davon ist ein entscheidender Teil in der Kunstmusik aufgehoben: in unserer anspruchsvollen, ernsten und komplexen Welt existiert das spielende Ich weiter durch unsere Musik. Und in den besten Momenten auch eine Ahnung des Göttlichen.