Im Dialog

von Lucilla Schmidinger
FRANZ HASENÖHRL /
RICHARD STRAUSS

„Till Eulenspiegel einmal anders“ op. 28
für Violine, Klarinette, Horn, Fagott und Kontrabass

Er ist eine der berühmtesten Sagenfiguren der Welt: Till Eulenspiegel. Ob es ihn wirklich gegeben hat, ist unklar. Aber fast jeder kennt die Geschichten um den Narren, den Streiche treibenden Schelm mit dem losen Mundwerk und den schlechten Manieren. Den Mächtigen hält er den Spiegel vor, Respekt hat er vor nichts und niemandem. Das erste Eulenspiegel-Buch wurde im frühen 16. Jahrhundert anonym veröffentlicht. Über 300 Jahre später wurde die Sinfonische Dichtung „Till Eulenspiegels lustige Streiche” des damals 30-jährigen Richard Strauss in Köln uraufgeführt.

Wie wurden die Streiche in Musik übersetzt?

RICHARD STRAUSS (KOMPONIST)

Es ist mir unmöglich, ein Programm des „Eulenspiegel“ zu geben: was ich mir bei den einzelnen Teilen gedacht habe, würde in Worte gekleidet sich oft seltsam genug ausnehmen, vielleicht sogar Anstoß erregen. Wollen wir daher diesmal die Zuhörer selbst die Nüsse aufknacken lassen, die der Schalk ihnen verabreicht.

Knapp 60 Jahre später bearbeitete der Wiener Lehrer und Komponist Franz Hasenöhrl Strauss’ Sinfonische Dichtung als „Scherz für fünf Instrumente“. In der Bearbeitung gibt es wie im Original Themen, die Till Eulenspiegel darstellen, zum Beispiel am Anfang im Horn oder später von der Klarinette zu hören.

Was gibt es noch für Besonderheiten im Ausdruck der Instrumente?

MINJU KIM (FAGOTT)

Beim Fagott mag ich besonders, dass es nie lange bei einem Charakter bleibt. In einem Moment klingt es noch ziemlich ernst und kurz danach schon wieder frech oder fast ein bisschen albern. Gerade dieser schnelle Wechsel macht für mich den Witz aus! 


KATHARINA VON HELD (KONTRABASS)

Es wird der gesamte Tonumfang der Instrumente ausgereizt. Der Kontrabass hat hier nicht nur eine Begleitfunktion, sondern steht erstens quasi für alle tiefen – und teils auch perkussiven – Instrumente aus Straussʼ Original; und zweitens hat er durchaus auch hohe Motive und virtuose Stellen. Das vermittelt dann mitunter auch etwas Groteskes oder Komisches. 

LUDWIG VAN BEETHOVEN

Duo Es-Dur für Viola und Violoncello
„Duett mit zwei obligaten Augengläsern“ WoO 32

Beethoven hatte einige aristokratische Freunde, die ihn immer wieder in praktischen Dingen berieten, beispielsweise wo man die besten Schreibfedern erhalten konnte. Einer von ihnen war Baron Nikolaus Zmeskall von Domanowecz, ein begabter Laiencellist – und häufig die Zielscheibe von Beethovens Humor. Im Herbst 1796 hatte er für Zmeskall das spaßhaft so benannte „Duett mit zwei obligaten Augengläsern“ komponiert – eine Anspielung darauf, dass beide Männer beim Musizieren Brillen brauchten.

Worauf liegt bei diesem Werk ein besonderes Augenmerk?

YITONG GUO (VIOLA)

Mein besonderes Augenmerk liegt hier auf der ungewöhnlichen Besetzung: Ohne Violine – wie sonst oft üblich – wird die Bratsche zur gleichberechtigten, virtuosen Solostimme neben dem Cello. Das ist selten für die Zeit, aber kein Zufall – Beethoven war selbst Bratscher und führt das Instrument bewusst in ungewöhnlich hohe Lagen, um ihm eine eigenständige, klar hörbare Stimme neben dem Cello zu geben. Zweitens interessiert mich der humorvoll-dialogische Charakter: Das Stück entstand aus der freundschaftlichen Nähe zu Nikolaus Zmeskall – beide brauchten eine Brille, daher der Titel. Diese Situationskomik spiegelt sich musikalisch in einem neckischen Wechselspiel der Stimmen wider, fast wie ein Gespräch zwischen zwei Freunden.

OLIVIA JEREMIAS (VIOLONCELLO)

Bei diesem Duo liegt der Fokus auf den abwechselnden Themen zwischen Cello und Bratsche. Wie mit einer Lupe hört man einmal dem einen und dann dem anderen Instrumentalisten gleichwertig zu. 

Jörg Widmann

Oktett für Klarinette, Horn, Fagott, zwei Violinen, Viola, Violoncello und Kontrabass

Jörg Widmanns facettenreiches Oktett knüpft mit seiner Abwechslung von kammermusikalisch-intimer und orchestral-großflächiger Zeichnung an eine Tradition groß besetzter Kammermusik wie beispielsweise auch Beethovens Septett an. Eine ganz konkrete Verbindung stellt Widmann zum Oktett von Franz Schubert her, das er als sein zentrales Bezugswerk bezeichnet: „Auch sein Oktett ist ein absolutes Seelenstück. Ohne die ungeheure Inspiration durch dieses Werk gäbe es mein Oktett nicht. Es ist eines der tonalsten Werke, das ich je geschrieben habe, und doch wird man keinen normal gesetzten Dur- oder Moll-Akkord finden.“

Was ist das Besondere an Widmanns Akkorden?

MINJU KIM (FAGOTT)

Bei Widmann habe ich oft das Gefühl, dass mein Ohr eigentlich weiß, wo es harmonisch hingehen möchte – und dann kommt plötzlich ein Ton dazu, mit dem man nicht gerechnet hat. Dadurch klingt es gleichzeitig vertraut und ein bisschen schräg. Genau das finde ich spannend, weil die Akkorde dadurch so viele verschiedene Farben bekommen. 

Widmanns Oktett ist 2004 uraufgeführt worden und damit das neueste Werk im Konzertprogramm. Er hat den Anspruch, aus der Tradition übernommene Elemente in neuem Licht zu zeigen und sie eigenständig, auf teils sehr überraschende und für neue Ohren vielleicht auch manchmal herausfordernde Weise weiterzudenken.

Was braucht die Neue Musik, um die Liebe des Publikums zu gewinnen?

JÖRG WIDMANN (KOMPONIST)

Die Liebe der Musiker:innen zur Musik. Dem kann man sich als Publikum nicht entziehen. Und was die komponierte Musik selbst anbelangt, gilt nach wie vor der Satz Ludwig van Beethovens: „Von Herzen – möge es wieder zu Herzen gehen!” 

LUDWIG VAN BEETHOVEN

Septett Es-Dur op. 20
für Klarinette, Fagott, Horn, Violine, Viola, Violoncello und Kontrabass

Der Reiz von Beethovens Septett liegt in seiner Vielfalt begründet, in der sich Einflüsse der Sinfonie, des Solokonzerts und der Kammermusik überlagern. Das Kammermusikalische zeigt sich in einem sich ständig wandelnden Dialog und darin, dass nach Beethovens Aussage alle Stimmen im Sinne der Kammermusik obligat, also unbedingt erforderlich sind („ich kann gar nichts unobligates schreiben!“).

In welcher Hinsicht fühlt sich das Septett dagegen fast wie eine Sinfonie oder wie ein Solokonzert an?

KATHARINA VON HELD (KONTRABASS)

Beethoven lässt der ersten Geige quasi die Hauptrolle zukommen, sie ist sehr exponiert und spielt sogar eine kurze Kadenz im ersten Satz, wie man es sonst eher aus Violinkonzerten kennt. Die sinfonische Klangqualität erreicht er durch die Einbindung der drei Bläser und auch meines Instruments, des Kontrabasses – beides schafft einen fast orchestralen Klang, anders als beispielsweise ein reines Streichquartett. Man darf nicht vergessen, dass die Menschen damals ohne Radio oder Plattenspieler gelebt haben und nicht jederzeit Zuhause Orchestermusik hören konnten. Mit einer Besetzung wie dieser hat Beethoven etwas von dem orchestralen Klang-Gefühl in private Wohnzimmer und Salons gebracht.

Nach der Wiener Premiere des Septetts im Jahr 1800 soll Beethoven – Haydn in Bezug auf dessen Erfolgswerk „Die Schöpfung” herausfordernd – gesagt haben: „Das ist meine Schöpfung!“ Bis 1830 war Beethovens Septett dann auch eines seiner meistgespielten Werke; sein berühmtester Bewunderer war Franz Schubert, der sein eigenes Oktett in enger Anlehnung an Beethovens Werk komponierte. Aber laut seinem Schüler Carl Czerny konnte Beethoven selbst sein Werk später „nicht leiden und ärgerte sich über den Beifall, den es erhielt“. Einige Zeitgenossen verwunderte das: „Es ist sonderbar, dass Beethoven gerade dieses Werk für eines seiner wenigstgelungenen erklärt haben soll. Denn obwohl in der Anlage etwas breit, ist es doch unendlich viel reicher an wahren Schönheiten, als manche seiner spätern Werke“, schrieb ein Kritiker noch 1826.