ESSAY: EINE ERINNERUNGS­MASCHINE

von Markus Poschner

Auszug aus einem Essay von Markus Poschner, den gesamten Text lesen Sie im Programmbuch.

Markus Poschner
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Keschi
Markus Poschner

Ein Märchen ist eine Geschichte, die irgendwann aufgehört hat, jemandem zu gehören. Es verändert über Jahrhunderte seine Gestalt, seine Sprache, seine Farben – und genau das war für uns der Ausgangspunkt dieser Produktion: Humperdincks Dornröschen weiterzuerzählen, ohne es zu korrigieren oder zu modernisieren.

[…]

Was bedeutet eigentlich dieser mystische Schlaf? Mich interessiert dieser ungeheure Gedanke, dass eine ganze Welt stillsteht. Hundert Jahre! Menschen schlafen, Tiere schlafen, Feuer hört auf zu brennen, Bewegungen frieren ein. Zeit existiert weiter – und zugleich existiert sie nicht mehr. Musikalisch ist das ein geradezu unglaublicher Gedanke. Denn Musik ist Zeit. Ohne Zeit gibt es keine Musik. […] Und nun erzählt Dornröschen ausgerechnet von der Aufhebung der Zeit. Damit öffnete sich für uns eine Tür.

Durch diese Tür treten nun andere Wirklichkeiten: Gioachino Rossini, Carl Maria von Weber, Charles Gounod, Richard Wagner, Peter Tschaikowsky, Sergei Prokofjew, Cher und Madonna. Nicht als musikalische Zitate, die man zum Effekt wie kleine Überraschungen in eine Partitur einbaut. Und auch nicht als eine Art „The best of Love-Duets". Vielmehr begegnen sich verschiedene musikalische Erinnerungen an ein und denselben Mythos. Das Märchen selbst wird zum musikalischen Resonanzraum. Tschaikowskys Romeo und Julia ist vielleicht eine der vollkommensten musikalischen Verkörperungen der Beziehung zweier Menschen zueinander überhaupt. Bei ihm wird das Märchen zum Psychothriller. […] Bei Wagners Tannhäuser verändert sich die Perspektive nochmals radikal. Dort geht es plötzlich um das Überschreiten gleich mehrerer Grenzen, um Abgrenzung, Protest, Erlösung und Scheitern. […] Und dann betritt Prokofjew eine völlig andere Zeit das Märchen. Das 20. Jahrhundert schaut zurück auf jene Welt, die Humperdinck, Tschaikowsky oder Gounod noch unmittelbar bewohnten. Die Farben werden schärfer, die Rhythmen körperlicher, manchmal grotesk, grimassenhaft und manchmal von einer fast schmerzhaften Zartheit. Das Märchen hat endgültig seine Unschuld verloren – und besitzt dennoch weiterhin diese zauberhafte Magie, um in noch tiefere und unbewusstere Schichten unserer Seele vorzudringen.

Genau diese verschiedenen Perspektiven faszinieren mich. Denn sie erzählen nicht von verschiedenen Märchen. Sie erzählen davon, dass all diese Wirklichkeiten letztlich Teil unserer eigenen inneren Welt sind.

[…]

Verwandlung, das ist für mich überhaupt das zentrale Wort dieser Produktion: Ein Fluch verwandelt das Leben eines Kindes, ein Stich verwandelt Wachsein in Schlaf, eine Dornenhecke verwandelt ein Schloss in einen unerreichbaren Ort, hundert Jahre verwandeln eine Gegenwart in Vergangenheit, Liebe verwandelt Schlaf wieder in Leben. […] Dornröschen erwacht nach hundert Jahren nicht deshalb, weil jemand die Vergangenheit konserviert hat. Es erwacht, weil die Zeit reif geworden ist.