Die Programmlinie zu den Repertoire-Inszenierungen
Der Neubeginn an einem Haus wie der Staatsoper Hamburg rückt das Vergangene in die Mitte. Manche der über siebzig Produktionen, die im Repertoirekeller lagern, sind zwei Jahre alt, andere mehrere hingegen Jahrzehnte. Ihr historisches Gewicht lässt sich nicht ausblenden. Warum auch – gerade das ist das Geschenk! Vieles, was einst als progressiv, provokant oder selbstverständlich galt, kann sich somit produktiv an unserem heutigen Blick reiben. Man fühlt die Zeit, die zwischen der Premiere einer Neuinszenierung und ihrer Wiederaufnahme verstrichen ist. Würde die Produktion heute Premiere feiern, sähen ihre künstlerischen Thesen vielleicht anders aus. Wie bereits existierende Inszenierungen in unserer Gegenwart weiterwirken können, zeigt die Programmlinie FRAMING the REPERTOIRE. Durch ein Angebot aus Veranstaltungen, künstlerischen Interventionen, einer Bibliothek, ummantelten Programmheften und studentischen Guides, können sich die Zuschauer:innen mit Inszenierungen und Werken beschäftigen und
ihren Zugang zur Oper vertiefen.
Wir befinden uns im Bürogebäude der Hamburgischen Staatsoper, ein Freitagmorgen, 11:00. An die Wand ist ein Video geworfen mit einem Ausschnitt der Inszenierung von Richard Wagners Lohengrin, die sich Peter Konwitschny 1998 für die Hamburgische Staatsoper erdachte. Es geht darin um eine orientierungslose Jugend, die in Lohengrin eine Erlöserfigur zu erkennen glauben. Fünf FRAMING-Guides diskutieren, ausgehend vom Bühnenbild, einem wilhelminischen Klassenzimmer, über Machtstrukturen. Sie werden später an jedem Abend der Wiederaufnahme in den Foyers der Hamburgischen Staatsoper für das Publikum bereitstehen, um die Inhalte von Werk und Inszenierung zu vermitteln. Im Vorbereitungsseminar sitzen mit am Tisch Prof. Jutta Toelle, Professorin für Musikwissenschaft an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg, die Chefdramaturgin der Staatsoper Hamburg Dr. Laura Schmidt und ihr Stellvertreter Christopher Warmuth. Das Klassenzimmer ist bei Konwitschnys Inszenierung ein Ort, in dem Macht entsteht, verteilt und behauptet wird. Einer der Teilnehmer, Moritz, 24 Jahre alt, meldet sich zu Wort und bringt sein Erstaunen zum Ausdruck. „Dass in dem Stück alle dem Lohengrin nachrennen und niemand mal fragt, wer ist das eigentlich, dem sie folgen, finde ich unfasslich.“ Einige schreiben mit, Toelle nickt zustimmend. Hochaktuell, wie Konwitschny bereits in den Neunzigern diesen Wagner in Szene setzte. „Die Aufführung spürt präfaschistischen Tendenzen nach“, ordnet Schmidt ein. Die besprochene Inszenierung des Lohengrin sei „gut gealtert“ – damals visionär, heute unfreiwillig am Puls der Zeit. „Konwitschny lässt uns zu den Anfängen blicken. Er führt uns ins Klassenzimmer, um uns zu warnen“, erklärt Warmuth.
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Die Guides vertiefen die Beziehung zwischen Zuschauer:innen und Haus
Die zur vergangenen Spielzeit ins Leben gerufene Programmlinie FRAMING the REPERTOIRE besteht aus einem Netz von Angeboten: FRAMING Veranstaltungen, FRAMING Hall, FRAMING Umschlägen und eben FRAMING-Guides. Als junge Opernexpert:innen initiieren sie vor jeder Repertoirevorstellung Gespräche mit den Zuschauer:innen. Treffen vorab mit der Dramaturgie des Hauses dienen den Guides zur Vorbereitung der Opernabende und sind verpflichtend für ihre Tätigkeit. Sie erfahren hier mehr über die Entstehungs-, Rezeptions- und Aufführungsgeschichte und die spezifischen Regiehandschriften. Auch Fragen, die sich aus unserer heutigen Perspektive auf ältere Werke und ihre Inszenierungen ergeben und die erklärungsbedürftig sind, werden ausführlich besprochen. Denn das beschäftigt das Publikum am Abend
schließlich auch.
Moritz Mehlinger, der sich gerade geäußert hat, ist seit der Eröffnung im letzten Jahr regelmäßig als Guide im Foyer unterwegs. Der Dialog mit den Zuschauer:innen beginne immer mit einer offenen Frage: Wie finden Sie es, wenn man ein Werk so zeigt? Ist das zeitgemäß? Und: Fühlt sich das für Sie passend an? Oft ginge es dann darum, Sichtweisen aufzuzeigen, die zuvor noch nicht in Betracht gezogen wurden. Interessant sei, dass häufig keine Stereotype bestätigt würden: Während Menschen aus vermeintlich konservativen Generationen Lust auf neue Stücke hätten, sind es häufig jüngere Menschen, die eine traditionelle Inszenierung vermissen würden.
Im Gespräch komme er den Opernbesucher:innen sehr nah. „Ich erfahre, was sie wirklich über das Bühnenbild und die Lesart eines Regisseurs oder einer Regisseurin denken, und was sie aus dem Abend für sich persönlich mitnehmen.“ Zu spüren, was ein Opernabend manchen Zuschauer:innen bedeutet, sei immer wieder ein ganz berührender Moment für ihn.
Sie sind keine moralische Instanz, rechtfertigen oder relativieren nicht
Dabei gehe es nicht darum, Inszenierungen als gelungen oder nicht zu deklarieren. Sondern Fragen zu beantworten, Perspektiven zu eröffnen und das Gesehene und Gehörte einzuordnen. Die Guides fungieren als Expert:innen, melden aber auch Spannendes an das Haus zurück. So vertiefen sie die Beziehung zwischen Publikum und Staatsoper. Entwickelt wurde die Kooperation vor zwei Jahren gemeinsam mit dem Studiengang Kultur- und Medienmanagement der Hochschule für Musik und Theater Hamburg.
Mit ihren unterschiedlichen Perspektiven tragen die jungen Menschen zu einem transgenerationalen Austausch bei. Die Studierenden kommen aus unterschiedlichen Fachrichtungen und prägen eben diesen, teilweise auch kontroversen Dialog. Sie greifen kritische Elemente auf und betten das mitunter heute als problematisch Gelesene in einen größeren Zusammenhang ein. Doch nicht als moralische Instanz, sondern mit dem Ziel, zu „rahmen“ und zugleich den Horizont zu weiten. Es ist eine Einladung, tiefer einzutauchen, nicht: zu rechtfertigen oder zu relativieren.
Einige Tage später, ein Sonntagmittag, 14:00. Moritz Mehlinger und Lilli Oeverink, 26 Jahre alt, stehen im Eingangsfoyer der Staatsoper und begrüßen das einströmende Publikum, das zur Aufführung von L’elisir d’amore kommt. Sie tragen weiße Pullunder, darauf der Schriftzug „FRAMING the REPERTOIRE“. Vor den beiden liegen die nachgedruckten Programmhefte von der Premierenserie 1977, in einen Umschlag gehüllt, der erst kürzlich entstanden ist. Innendrin die alten Fotos und Begleittexte von früher. Das Neue ummantelt das bereits Existierende.
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Jede Form des Zeigens hat eine politische Dimension
Obwohl der Vorhang sich erst in einer Stunde hebt, sind viele der Opernbesucher:innen von L’elisir d’amore bereits da. Moritz geht auf ein Ehepaar zu und lässt es wissen, dass gleich ein Begleitgespräch in der sogenannten FRAMING Hall im Foyer 2. Rang stattfinde. Lilli erzählt, dass aus den Gesprächen mit dem Publikum oft interessante Gedanken entstehen. „Neulich fragte jemand, ob die aufgeschlagenen Plastiktüten in Der fliegende Holländer in der Regie von Michael Thalheimer als Anspielung auf die globale Meeresverschmutzung zu verstehen seien.“ Ein anderes Mal entwickelte sich eine Diskussion darüber, ob man manche Originalwerke nicht stärker erweitern könnte, etwa mit Zusatztexten. Nicht aus inhaltlichen Gründen, sondern weil es stellenweise an Spannung fehle. „Eine weitere Zuschauerin schaltete sich ein, und plötzlich sprachen wir über das Frauenbild zur Zeit Richard Wagners.“ Die Conclusio: Die Männer des 19. Jahrhunderts … unmöglich!
Die Kraft der Oper merke man auch daran, wie stark sie polarisiert. Bei Aufführungen von Werken Wagners entstünden leicht intensive Gespräche über das sogenannte Regietheater, erzählt Moritz. Auch ein Wunsch, der häufig geäußert wird, ist jener nach dem Unpolitischen. „Doch an diesem Punkt vertreten wir die Position, dass jede Form des Zeigens eine politische Dimension hat.“
Oben, auf der kleinen Bühne der FRAMING Hall hat nun das Gespräch begonnen. Der Raum ist gut gefüllt. Grischa Asagaroff, ehemaliger Assistent des verstorbenen Regisseurs Jean-Pierre Ponnelle, der 1977 L’elisir d’amore an der Hamburgischen Staatsoper inszeniert hat, spricht über seine Faszination für Ponnelles Arbeiten in der von Bühnenbildner Rainer Sellmaier geschaffenen Installation aus Archivmaterialien, Bücherregalen, einer Bühne und Sitzmöglichkeiten. Dieser Ort ist einer der Selbstbildung – der zum Verweilen und Austauschen, Lesen und Zuhören einlädt.
In den Regalen, die sich im hinteren Teil des Raumes um die tragenden Säulen ranken, findet sich für jede Wiederaufnahmeproduktion, ausgehend von den Schwerpunktsetzungen der jeweiligen Produktionen, kuratierte Lektüre. Die Bücher sind mit handschriftlichen Leseempfehlungen der Dramaturgie beschriftet: Dr. Max Czollek, bekannt für seine aktuellen Texte zu Erinnerungskultur und Identität, wird zum Freischütz empfohlen, die feministische Denkerin
Dr. Emilia Roig zu Luisa Miller. In den FRAMING Veranstaltungen werden die Positionen in Anwesenheit der zeitgenössischen Autor:innen aufgegriffen und diskutiert. „In unseren FRAMING Veranstaltungen flankieren wir auf unterschiedliche Art und Weise unsere Repertoireproduktionen. Wir stellen Themen zur Diskussion, vertiefen, ergänzen, kontextualisieren“, sagt Schmidt. Kritische und kontroverse Debatten seien dabei durchaus erwünscht. So war für die Veranstaltung zu Verdis Falstaff eine Influencerin zu Gast, die sich gegen Bodyshaming stark macht. Für die Inszenierung von Calixto Bieito von 2020 wurden mehrgewichtige Menschen gecastet. In der Diskussion ging es darum, wie wir als Gesellschaft auf mehrgewichtige Menschen blicken und was wichtig ist, wenn wir uns mit dem Thema sensibel auseinandersetzen wollen.
Die künstlerischen Interventionen finden meist um den letzten Spieltermin statt und fordern die Zuschauer:innen direkt heraus. So geschehen bei Herbert Fritschs Inszenierung von Così fan tutte von 2018, die von grotesker Überzeichnung lebt. Um etwas am Mozart-Bild zu rütteln und zu zeigen, wie es sich über Jahrhunderte verändert hat, wurde in der Pause ein Kanon ausgeteilt und in zwei Versionen von Opernstudio und Publikum gemeinsam gesungen. Zunächst der bekannte Text „Lasst uns froh sein“ und dann der ursprüngliche, jahrzehntelang verfälscht überlieferte: „Leck mich im Arsch“. Und wie waren die Reaktionen aus dem Publikum? Größtenteils amüsiert, teilweise tief irritiert bis zu begeistert.
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Problematisches nicht entschärfen, sondern offenlegen
Für den Intendanten der Staatsoper Hamburg und Regisseur Tobias Kratzer ist die Programmlinie FRAMING the REPERTOIRE eine Möglichkeit, um den Zugang zum Musiktheater zu vertiefen. „Indem die Zuschauenden die eigene Wahrnehmung schärfen und lernen, Regieansätze, Figurenführung und ästhetische Moden wahrzunehmen, verfeinert sich der Blick auf die Oper und auch auf die Welt.“ Didaktisch möchte er das allerdings nicht verstanden wissen. FRAMING the REPERTOIRE kann den Blick öffnen, wenn man darauf Lust hat. „Dass sich Inszenierungen über einen längeren Zeitraum hinweg verändern, kommt oft vor. Details gehen verloren, Bewegungsabläufe, Kostüme oder Requisiten entsprechen nicht mehr dem ursprünglichen Zustand von vor dreißig Jahren. Wir versuchen die Ursprungsgestalt der Inszenierung aber bestmöglich zu rekonstruieren“, sagt Kratzer. Das sei kein Widerspruch, sondern Grundlage einer tiefergreifenden Auseinandersetzung: „Man muss Inszenierungen als Kunstwerke eigenen Rechts anerkennen.“ Bei FRAMING the REPERTOIRE geht es darum, Historizität auszuhalten, genau wie Brüche, Widersprüche und Grauzonen. Schwierige Inhalte werden somit nicht entschärft oder verdeckt, sondern bewusst offengelegt und benannt. „Auch wenn ich einige Inszenierungen aus ästhetischen Gründen heute nicht mehr programmieren würde, sind sie doch ein Zeitspeicher für einen bestimmten Geschmack und einen Zeitgeist“, erzählt er.
Für das Heraufholen eines Werks aus dem Repertoirebestand bleibe oft nicht viel Zeit. Höchstens drei Wochen könne geprobt werden. Für die Sänger:innen bedeute eine Besetzung in einer traditionsreichen Inszenierung oft ein nostalgisches Moment. „Wenn wie bei Hänsel und Gretel ein bruchloser Illusionismus ausagiert wird, den es heute gar nicht mehr gibt, bereitet das den Sänger:innen oft große Freude“, erzählt Kratzer.
In den kommenden Jahren wird es an der Staatsoper Hamburg auch darum gehen, wie mit den eigenen Produktionen im Wandel der Zeit umgegangen wird. Politische Kontexte können sich in kurzer Zeit massiv verschieben, wodurch sich die Lesart eines Werks verändert. Viel Potenzial für die Weiterentwicklung der FRAMING Programmlinie also, die auch in der Spielzeit 2026/27 mit einer Vielzahl an Veranstaltungen aufwartet, die von einer Spendenaktion an Weihnachten bei La bohème bis hin zum gemeinsamen Hören von Interpretationen der Violetta-Partie bei La traviata reichen.
Denn rund zwei Drittel des Spielplans eines Repertoirebetriebes sind eben genau das: Repertoirestücke. Das ist Erbe und gleichzeitig Gegenwart eines Opernhauses. Diesem Erbe nachzuspüren wird Kratzer und sein Team weiterhin beschäftigen, denn Canceln ist hier für niemanden eine Option. Verstehen leistet mehr als Wegstreichen. Miteinander zu sprechen mehr, als sich anzuschweigen. Nicht nur im Diskursraum der Oper, sondern auch im Zusammenleben in unserer Gesellschaft. Willkommen im Wunderwerk Musiktheater!