INTERVIEW: Training und Feingefühl
Karl Uhlenbrock und Michael Dölle im Gespräch mit Judith Wiemers
Auszug aus einem Interview, den gesamten Text lesen Sie im Programmbuch.
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JUDITH WIEMERS Was ist der erste Schritt in der Herstellung dieses Trickfilms?
MICHAEL DÖLLE Als Erstes gehen wir durch die ganze Partitur und überlegen, mit welchen Filmeinstellungen wir die Szenen erzählen können, sodass wir immer näher an die Handlung und die Personen heranrücken. Zum Beispiel gehen wir von einer Totale auf die Stadt Karthago, vom Meer aus blickend, schrittweise auf Dido zu, die auf dem Balkon ihres Palastes steht und wiederum hinausschaut aufs Meer, wo Aeneas mit seinen Schiffen landet. Wir entscheiden, welche Figuren und Bewegungen wir brauchen, um die Handlung zu erzählen und das Bild lebendig zu machen: Aeneas nimmt seinen Helm ab, Belinda kämmt Didos Haare und im Hintergrund bewegen sich die Schiffe.
KARL UHLENBROCK Aus diesen Ideen entwickeln wir ein Storyboard, das zunächst aus kleinen Thumbnail-Skizzen besteht. […] Bei einem Stück, in dem wir mit Silhouetten spielen, ist das eine besondere Herausforderung. Die Figuren haben keine Mimik, keine Feinheiten im Ausdruck – ich muss also etwas expressiver arbeiten. Eigentlich machen wir alles über die Körperhaltung.
JUDITH WIEMERS Wir tauchen in eine sehr märchenhafte Welt ein, die an früheste Animationsfilme erinnert. Kannst Du, Karl, den Findungsprozess dieses Stils beschreiben?
Karl Uhlenbrock: Es war von vornherein klar, dass wir in der Bildsprache nicht realistisch sein werden. Der Stoff selbst ist fiktional, das gibt uns eine große Freiheit. […] Dass wir mit Schattenfiguren und damit in 2D arbeiten möchten, stand von Anfang an fest. Inspirationen waren neben frühen Märchentrickfilmen zum Beispiel auch antike Reliefs und Vasenzeichnungen.
JUDITH WIEMERS Michael, mit welchen Materialien arbeitet Ihr im Animationsbau?
MICHAEL DÖLLE Unsere Materialien sind vor allem bedruckte Overheadfolie und Karton: ein einfacher schwarzer Tonkarton mit dreihunderter Grammatur. Das ist ein Standardprodukt. Wir finden genau das besonders schön, weil auch die Trickfilmpionierin Lotte Reiniger, das maßgebliche Vorbild für die Animation dieser Produktion, auf einfache, haushaltsübliche Materialien zurückgreifen musste.
JUDITH WIEMERS Seid Ihr auch eine Reparaturwerkstatt?
MICHAEL DÖLLE Bestenfalls nicht. Die Materialien sind einfach, aber sie haben eine erstaunlich gute Haltbarkeit, wenn sie vernünftig gebaut sind. […] Letztendlich braucht man dafür aber vor allem zweierlei: Training und Feingefühl.