INTERVIEW: Heldenepos ohne Held

Tohar Gil und Nils Voges im Gespräch mit Judith Wiemers

Auszug aus einem Interview, den gesamten Text lesen Sie im Programmbuch.

Impression Dido und Aeneas
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Kateryna Nigbur

JUDITH WIEMERS Dido and Aeneas ist ein Repertoireklassiker. Doch als „Live Animation Cinema" hat man die Oper vermutlich noch nie gesehen. Wie definierst Du dieses Genre?

NILS VOGES Kurz gesagt entsteht in Arbeiten von sputnic auf der Bühne ein Trickfilm, bei dessen Herstellung das Publikum zusehen kann. Für die Liveanimation nutzen wir Animationsplatten, auf denen einzelne filmische Einstellungen montiert sind. Sie bestehen aus einer beweglichen Figur und einem Hintergrund – beide handgezeichnet. […] Die Platten werden in dieser Produktion auf vier sogenannte Tricktische unter eine Kamera gelegt und dort von den Sänger:innen selbst animiert. Zwischen den Tischen entsteht der Schnitt und die fertige filmische Erzählung auf der Leinwand. Wir arbeiten dabei mit Silhouetten, mit Schattenrissfiguren – einer ganz alten Technik des Animationsfilms, die von Lotte Reiniger geprägt wurde. Sie hat vor genau 100 Jahren mit Die Abenteuer des Prinzen Achmed den allerersten Trickfilm in Spielfilmlänge produziert, noch vor Walt Disney. Unsere Figuren sind ganz basal, sie können kleine Bewegungen machen, haben keine Mimik. Das Besondere ist der Schnitt: Im Wechsel der Bilder und kleinen Animationen wird die Geschichte lebendig.

 

JUDITH WIEMERS Schon Purcell und sein Librettist Nahum Tate fokussieren besonders auf Didos Perspektive. Wie wird sie in der Musik charakterisiert?

TOHAR GIL Schon in der Komposition ist angelegt, was Nils großziehen möchte. Zum Beispiel ist Didos gesellschaftliche Stellung hörbar. Zu Beginn der Oper wird sie mit höfischer Musik eingeführt und auch die Tanzformen weisen auf ihren Status hin. In der Ouvertüre lernen wir erst einmal mehr über ihre gesellschaftliche Rolle als über ihren emotionalen Zustand – obwohl sich in der moll-Tonart die Tragödie schon anzukündigen scheint.

JUDITH WIEMERS Am Ende ist es umgekehrt: Didos politische Funktion rückt in den Hintergrund und wir kommen ihr als Mensch ganz nah. Was erzählt uns Purcell über sie?

TOHAR GIL Das Lament ist ein Wunder. So viele Menschen kennen und lieben diese Musik. Ich glaube, dies ist einer der Fälle, wo Text und Musik perfekt zusammenkommen. Allen, die diese Oper schon einmal gehört haben, bleibt das „Remember me" im Kopf. Es funktioniert einfach und berührt auf Anhieb. […] Besonders ist, was in der Melodie passiert. Diese verläuft nicht überlappend mit dem sich wiederholenden Pattern im Bass, sondern bewegt sich unabhängig von den Taktgrenzen. Das erzeugt Spannung und lässt die Wörter an Bedeutung gewinnen. Und: Dido bricht quasi aus einem Gerüst aus.

JUDITH WIEMERS Eine Dido, die aus einem einseitigen Narrativ als Opfer ausbricht, war auch Dir wichtig, Nils. Wie hast Du Dich Deiner Interpretation genähert?

NILS VOGES Ich habe mich erst einmal ausführlich mit der Aeneis von Vergil befasst, der Grundlage für den Opernstoff. […] In der Auseinandersetzung fand ich spannend, wie vielseitig Dido bei Vergil ist. Purcell legt vor allem Wert auf die Liebesgeschichte, über ihre politische Verantwortung erfahren wir relativ wenig. […] Es ist interessant, dass schon Purcell sie zur Hauptfigur macht, obwohl wir doch einen großen Helden haben. Hier spielt dieser große Held nur eine kleine Rolle. Daran wollte ich anknüpfen: zum einen durch eine komplexere Dido-Erzählung und zum anderen im Versuch, Aeneas zu dekonstruieren – ein Mann, der davor zurückschreckt, in der zweiten Reihe zu stehen und von anderen überstrahlt zu werden.

 

JUDITH WIEMERS Auch Du rahmst die Opernhandlung auf – und wirfst vor allem am Ende Fragen auf.

NILS VOGES Schon in der Antike wurde darüber gestritten, ob Dido eine tragische Figur ist und was ihr Tod am Ende bedeutet. Diese Ambivalenz interessiert mich sehr. Ich wollte fragen: Was wäre, wenn sie nicht gestorben wäre, oder stattdessen Aeneas? […] Wir tun das mit einem gewissen Augenzwinkern, aber auch, um das immer wiederkehrende Heldenepos zu konterkarieren: Der Mann, der alles darf, der schöne Frauen rettet und dann zurücklässt – ich ertrage das nicht. Darauf brauchen wir einen neuen Blick.