Im Dialog
Komponistin Barbara Assiginaak über spielerische Reisen in Natur und Vergangenheit
von Michael Horst
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Für Ihr neues Werk haben Sie den Auftrag erhalten, ein ZeitSpiel mit dem ersten Violinkonzert von Max Bruch einzugehen. Welche Erfahrungen haben Sie mit einer solchen musikalischen Metamorphose?
Es ist eine Art von Zeitreise, bei der man eine Unterhaltung mit dem Komponisten führt. Ich habe so etwas bereits vor einigen Jahren mit Beethovens zweiter Sinfonie gemacht. Beethoven war damals sehr depressiv, nachdem er von seinem Arzt erfahren hatte, dass er sein Gehör verlieren würde und nichts dagegen zu machen war. Trost suchte er auch in langen Spazier gängen, bei denen er sich, abseits von Klavier und Partitur, vor seinem inneren Ohr mit seinen Ideen beschäftigte. In meiner Vorstellung habe ich mich in ein Insekt verwandelt und bin in das Jahr 1802 zurückgeflogen – direkt in sein Ohr hinein. Auf dieser fantastischen Reise wurde ich dann Zeugin beim Entstehen seiner Ideen – seiner Exzentrik, seinem Frust und seiner Launen, seiner Art von Humor und seiner innersten Gedanken. Das Summen meiner Insektenflügel trat in einen Dialog mit den Motiven, die aus Beethovens Ohr strömten.
Im Mittelpunkt der Saison 2025/26 steht auch die Idee vom Spiel. Wie „spielerisch“ gehen Sie mit dem Orchester und seinen Instrumenten um? Was bedeutet für Sie Spiel – im musikalischen und im nicht-musikalischen Sinn?
Spiel ist etwas Körperliches, deshalb stelle ich mir oft nicht nur die Klänge vor, die von einem Orchester und Solisten geschaf- fen werden, sondern welche Art von Choreographie damit einher geht, die all diese Klänge verkörpern. Darin besteht die Chance, zu der lebhaften Fantasie aus unserer Kinderzeit zurückzukehren – dieses Gefühl des Wunderns neu zu leben. Für mich ist Orchestermusik wie Theater, mit der Solistin als Erzählerin.
Was sind Aspekte, die Ihnen in Ihrer kompositorischen Arbeit grundsätzlich wichtig sind?
Ich strebe stets danach, die Verflechtungen zwischen mensch- lichen und nicht-menschlichen Aspekten des Lebens darzustel- len. Daher setze ich Gesangs- und Instrumentaltechniken sowie ausdrucksstarke, bedeutungsvolle Atemtechniken auf vielfältige Weise ein, um über rein menschliche Vorstellungen von Klang hinauszugehen und auch Klänge einzubeziehen, die wir in der Natur hören. Außerdem verwende ich in meiner Musik niemals zeremonielles oder sakrales Material. Meistens bildet ein eigenes Lied die Grundlage für ein Musikstück, das ich kompo- niere – oft beeinflusst oder inspiriert von Klängen, die ich höre, wenn ich mich draußen in der Natur in abgelegenen Gegenden aufhalte. Dies spiegelt mein persönliches Bedürfnis wider, mich mit den Rhythmen und dem Fluss des Lebens in der Natur verbunden zu fühlen.