Jean-Pierre Ponnelle war kein übermäßig großer Bewunderer der Musik von Gaeatano Donizetti und seiner Opern. Er hat – anders als viele andere Stücke – L’elisir d’amore und Don Pasquale nur je einmal in Hamburg bzw. London inszeniert und danach nie wieder! Vom damaligen Intendanten der Hamburgischen Staatsoper August Everding ließ er sich überreden, bei L’elisir d’amore Regie zu führen, weil ihm hierfür die weltbeste Besetzung zur Verfügung gestellt wurde: Mirella Freni als Adina, Luciano Pavarotti als Nemorino, Giuseppe Taddei als Dulcamara, Bernd Weiki als Belcore und Reynald Giovaninetti am Pult.
Das idyllische Bühnenbild – ein italienischer Bergdorfplatz mit Kirche und großer Treppe, Torbogen und Gassen mit schönem Horizont – war hauptsächlich aus Styropormaterial auf Eisen- und Holzunterbau hergestellt und ähnelte seinem Bühnenbild von Cavalleria rusticana von Pietro Mascagni an der Wiener Staatsoper. Die Kostüme entwarf Pet Halmen, der zunächst Ponnelles Assistent war und dann immer häufiger als sein Kostümbildner fungierte. Ponnelle war stets sein eigener, perfekter Lichtdesigner.
Jean-Pierre Ponnelle kannte die Musik seiner Inszenierungen bis ins kleinste Detail und wusste die musikalischen Ideen und Akzente für den Bewegungsablauf seiner Akteur:innen zu nutzen, wobei er meist sehr symmetrisch „choreografierte“. Dies wird in seiner Deutung von L’elisir d’amore insbesondere bei den Duetten augenscheinlich, wo häufig ein:e Duettpartner:in links und eine:r rechts platziert ist und diese dann zur Musik die Seiten wechseln. Die hier entstehende Symmetrie unterstützt Ponnelle über die Positionen von Adina links und Nemorino rechts in der Portalzone mit Geländern zum Orchestergraben. Dulcamara hingegen – ähnlich dem Chor und häufig auch Belcore – ist eher in der Mitte positioniert. Ponnelle liebte keine Unterbrechungen für Szenenwechsel und Umbauten, sondern versuchte fast immer mit Hilfe von Chor oder Statist:innen offene Verwandlungen und somit einen übergangslosen Ablauf der Handlung zu realisieren, was auch bei dieser Arbeit gut sichtbar wird.
Die Hamburger Inszenierung von L’elisir d’amore stellte für Jean-Pierre Ponnelle eine einzige Freude dar. Das erzählte er mir persönlich, als ich die damalige Aufführung besuchte. Er kannte alle vier Sänger:innen, die darstellerisch und stimmlich damals auf dem Höhepunkt ihres Könnens waren, bereits sehr gut und genoss die Arbeit mit ihnen. Bernd Weikl gab als einziger sein Rollendebüt. Alle Hauptdarsteller:innen konnten ihre eigenen Ideen mit in die Inszenierung einbringen und mit Ponnelles Ideen zusammenführen. Sie hatten eine große Freude am Spiel, was sich auch auf den Chor und auf das Publikum übertrug und zu einem fantastischen Erfolg führte. Als Luciano Pavarotti in einer Szene mit einem echten Lämmchen im Arm auf einem Bäumchen saß, brach stürmischer Szenenapplaus los. In späteren Wiederaufnahmen wurde diese Szene verändert. Auch Belcores Auftritt mit einem Laufrad und Dulcamaras Auftritt in einer Kutsche riefen beim Publikum ein begeistertes Echo hervor. Die Premiere geriet zu einem aus dem Rahmen fallenden Ereignis an der Hamburgischen Staatsoper, so dass die Produktion bis heute, 49 Jahre später, noch gespielt wird.